Die Band
Die Blumen des Bösen waren eine deutschsprachige Post-Punk-Band aus dem baden-württembergischen Südwesten. Den Namen nahmen sie von Charles Baudelaires Gedichtband „Les Fleurs du Mal“. Am 27. Juni 1992 probten Marty González Martín, Martin Ullmann, Severin Schöllhammer und Volker zum ersten Mal unter diesem Namen, im Big Bang in Nürtingen. Acht Jahre später, am 3. Juni 2000, spielten sie im Limelight in Stuttgart ihr letztes Konzert.
Eine Stadt lässt sich ihnen nicht zuordnen. Der Proberaum in Nürtingen hielt nur etwa sieben Monate; danach probten sie in Reutlingen, Leonberg, Tübingen und Kirchheim/Teck, und die Mitglieder wohnten weit verstreut. Severin Schöllhammer, 8. September 2026: „Meiner Meinung nach kann man von den Blumen des Bösen nicht sagen, dass sie eine Band aus einer spezifischen Stadt gewesen seien.“
Wie der Name entstand
Einen deutschen Namen wollten Martin Ullmann und Severin Schöllhammer schon 1990 — in dem Jahr, in dem nach dem letzten Excalibur-Konzert nur noch die beiden zusammen Musik machten, ohne Schlagzeug und ohne Gesang. Ein Name war damals kaum nötig, höchstens um eine Proberaumkassette zu beschriften; „Hopeful Monsters“ war eine der Ideen, und die alte Bandchronik vermerkt für 1990 „einige Proben unter dem Namen Die Blumen des Bösen“. Ernst wurde die Frage erst, als sich im Januar 1991 wieder eine ganze Band fand. Zur Auswahl standen „Die Blumen des Bösen“ nach Baudelaires Gedichtband und „Blumen im Müll“ nach einer Zeile der Sex Pistols — „We’re the flowers in the dustbin“. Die beiden anderen Mitglieder der damaligen Gruppe waren gegen einen deutschen Namen; der Kompromiss hieß Flowers of Evil. Erst als sich die Band im Juni 1992 neu zusammenfand, wurde daraus Die Blumen des Bösen.
Nach Severin Schöllhammer, 5. September 2026.
Was davor war
Die Blumen des Bösen sind die dritte Band derselben zwei Leute. Martin Ullmann und Severin Schöllhammer spielten ab April 1988 bei Excalibur, deren „klassische Besetzung“ im August 1989 zusammenfand und die im Herbst 1990 auseinanderging. Im Januar 1991 gründeten die beiden die Flowers of Evil — den Kompromissnamen von oben. Auch diese Band hielt nur Monate und kam auf genau einen Auftritt, am 27. März 1991 in Filderstadt; im Herbst war sie zu Ende. Erst der dritte Anlauf im Juni 1992 trug den deutschen Namen — und hielt acht Jahre.
Nach dem Umschlag einer Videokassette von Excalibur, 1990, dem Beiheft des Samplers „Der erste Versuch“, dem Think Nr. 17 und Severin Schöllhammer, 11. September 2026. Die Zeiträume aller drei Bands stehen als Daten auf der Besetzungsseite.
Was sie gemacht haben
Ein Fanzine beschrieb sie 1992 so: „Punkschlichtheit, Moll-Akkorde & -Verse, eine kirchenchorgeschulte klare, sanfte Stimme verschmelzen zu ihrer Musik jenseits von Punkparolen und Gruftifrust, die zwischen allen Stühlen sitzt.“ Der Band selbst genügte ein Wort dafür: In einer Wassenberger Zeitung nannte sie ihre Musik 1993 „depressiven Punk-Rock“. Querflöte und später Saxophon gehörten ebenso dazu wie ein Drumcomputer, nachdem 1996 der Schlagzeuger gegangen war.
Das erste Demo „Den Blumen des Bösen verfallen“ nahmen sie am 1. August 1992 an einem einzigen Tag auf; es erschien im Oktober in 110 Stück. Die erste Platte, die EP „Kein Tag ohne Revolution“, kam am 8. April 1993 in 1033 Stück heraus und fand ihren Weg bis nach Panama und Mexiko, wo sie sogar im Radio lief. Es folgten drei Alben: „Übermut werde Spaten“ (1995), „Damals, vor zwei Sekunden“ (im September 1997 aufgenommen, erst 1999 veröffentlicht) und „Aus Ruinen“ (1999). Die vollständige Diskografie zählt heute 23 Einträge.
Wer dabei war
Die Besetzung wechselte oft. Beständig blieb Severin Schöllhammer am Baß; Martin Ullmann spielte bis Mai 1995 Gitarre, Marty González Martín sang bis November 1997, danach Martin „Kaktus“ Roeder. Drei Schlagzeuger und ab 1996 zwei Drumcomputer lösten einander ab. Die Besetzungen im Überblick stehen auf einer eigenen Seite — samt der Vorgeschichte, denn Ullmann und Schöllhammer machten schon seit dem 20. November 1984 zusammen Musik.
Wie es endete
Im Oktober 1999 erschien „Aus Ruinen“, gefolgt von einer Deutschlandtour mit den Fliehenden Stürmen. Im März 2000 nahm die Band „Zonengrenze ’84“ auf — ihr letztes offizielles Stück, das erst nach dem Ende auf dem Sampler „Maschinentrauma“ erschien. Aus dem Umfeld ging danach die Gruppe dot.commando hervor. Die Konzertchronik verzeichnet 64 belegte Auftritte, die Historie erzählt die Jahre im Wortlaut der Band.
Woher die Angaben stammen
Dieses Archiv stützt sich auf die Aufstellungen und Tourberichte, die die Band selbst geführt hat, auf ihre Plattenhüllen, auf zeitgenössische Fanzines und Zeitungen sowie auf das, was von ihren alten Internetseiten im Internet Archive erhalten geblieben ist. Wo Quellen einander widersprechen, steht der Widerspruch im jeweiligen Eintrag statt einer stillen Entscheidung.
Wie sie über sich selbst sprachen
Fünf Fanzines haben die Band befragt; die drei datierten Gespräche fallen auf 1994 und 1995, zwei tragen kein Jahr. Im Archiv stehen davon Auszüge — den vollen Wortlaut hat es nur von den drei Radiogesprächen.
Zur Sprache: Musik und Text seien „je 50% des Gesamtliedes“, sagten sie Back Again. Deutsch und Spanisch seien die Muttersprachen, die sie am besten beherrschten — Marty González Martín ist Spanierin —, und die deutschen Texte ein „festes Konzept gegen die Allgegenwärtigkeit des englischen, unter dessen Deckmantel viele Kombos ihre Plattheiten verbergen“. Der Boot Murder News gegenüber wurden sie knapper: „Interpretationen verstümmeln den Inhalt!“
Woher die Einflüsse kämen, wollte Back Again wissen. Die Antwort nennt keine Bands, sondern „Stimmungen, Landschaften, Jahreszeiten, Bücher, Filme, Spaziergänge“ — und unter den Filmen „Weißes Blut“, was zugleich der Titel eines ihrer Stücke ist. Beim Schreiben folge man Stimmungen „und keinen abgekupferten Musikvorstellungen“.
Marty González Martín hatte vor der Band im Kirchenchor gesungen und keine Gesangsausbildung. Ihre Stimme brachte ihr einen Auftrag von außerhalb ein: Pyogenesis hörten sie auf einem Demo der Gruppe Dystrophy und holten sie für ihre eigene CD ans Mikrofon.
Bühne und Studio hielten sie ausdrücklich auseinander: ein Konzert sei „etwas schnell vergängliches“ und müsse „blitzschnell verglühen“, während Aufnahmen für längere Zeit gemacht seien und deshalb „lange brennen müssen“.
Und auf die Frage, was sie im Rückblick anders machen würden, antworteten sie der Boot Murder News: reiche Eltern haben, einen Proberaum um die Ecke statt einer Stunde Fahrt, und die Fehlversuche bei Schlagzeugern aussparen. „Wir hätten uns einfach früher finden sollen!“