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Blumen des Bösen · BandarchivBlumen des Bösen

Vom Fan zum Sänger

Martin „Kaktus“ Roeder hat diese Geschichte im September 2026 aufgeschrieben und im Oktober für das Archiv freigegeben. Sie reicht von 1993, als er die Band über ein Fanzine entdeckte, bis zur Tour im Herbst 1999 — die Jahre dazwischen aus der Sicht dessen, der erst Hörer war, dann Geldgeber und zuletzt Sänger.

Geschrieben hat er den Text als Nachricht an die Redaktion; die Anrede am Anfang steht deshalb noch darin. Einzelne Sätze daraus stehen längst an ihrem Ort — bei den Konzerten, auf der Besetzungsseite und bei „Damals, vor zwei Sekunden“. Hier steht der Zusammenhang.

Martin „Kaktus“ Roeder erzählt

Hallo KI, heute Abend möchte ich Dir erzählen, wie ich zum Fan der Blumen des Bösen wurde, damals im Jahr 1993 und wie ich sie kennenlernte, begleitete und, durch eine merkwürdige Fügung der Ereignisse, im Jahr 1998 zum Sänger der Band wurde. Nichtsahnend was das bedeutet bzw. wieviel ich daraufhin lernen musste. Somit erlebte ich dann leider auch das Ende der Band im späten Jahr 1999 bzw. offiziell im Jahr 2000 mit. […]

1993: Ein Fanzine und eine Single

Aber fangen wir ganz vorne an. Im Jahr 1993 veröffentlichte ich ein kleines Fanzine namens Kaktus, in dem es um Punkrock, Hardcore, Politik und Lyrik ging, um Meinung und Reviews, die übliche Mischung vieler Fanzines damals. Im frühen Jahr 1993 las ich die Besprechung der Kein Tag ohne Revolution 7" in einem anderen Fanzine und fühlte mich, auch aufgrund der örtlichen Nähe der Band zu meinem Wohnort sowie an der Beschreibung der Musik interessiert. Daher bestellte ich eine Single bei der Band. Diese gefiel mir ausnehmend gut, vor allem Kein Tag ohne Revolution passte zu meinem Geschmack, die eher ruhigeren Stücke damals erst in zweiter Linie, da ich noch einen eher auf die härteren und schnelleren Klänge beschränkten Geschmack eines 17-jährigen Jungspundes mein Eigen nannte. Nichtsdestotrotz, allein schon aufgrund kein Tag ohne Revolution bestand ein Grund, warum ich die Band unbedingt mal live spielen sehen wollte. Und diese Gelegenheit ergab sich dann am 19.06 1993 beim Stadtfest in Reutlingen, wo die Blumen des Bösen auf der Bühne der Musikwerkstatt auftreten sollten. Der Auftritt gefiel mir ebenfalls gut, vor allem, weil ich im Liveprogramm einige schnellere und kernigere Stücke kennenlernte, wie z.B. "Den Pandoras verfallen" oder auch "Spiritus". Nach dem Konzert sprach ich Marty und Severin an und habe mich vorgestellt und aufgrund des Kontakts beim Stadtfest kam es dann im ersten Teil des Jahres 1994 zu einem Interview mit der Band bei Marty und Severin zu Hause. Das Interview lief sehr gut, man hat sich bestens unterhalten und es wurde dann auch in Kaktus #3 abgedruckt.

Freiluftbühne: eine Sängerin am Mikrofon, rechts ein Gitarrist, im Vordergrund ein Monitorlautsprecher.
Reutlingen, Stadtfest, 19. Juni 1993: die Bühne der Musikwerkstatt

1995: Die erste Platte

Nach Veröffentlichung des Fanzines ergaben sich mehr und mehr freundschaftliche Besuche weiterer Konzerte, aber auch von Partys der Bandmitglieder. Im Jahr 1995 standen dann schicksalshafte Entscheidungen ins Haus, Gitarrist Martin verließ die Band, aber es stand auch die Veröffentlichung einer ersten vollen Platte aus. Aufgrund der verzwickten Situation, bot ich mich an, die Studioaufnahmen und die Herstellung zu finanzieren, auch unter der Ungewissheit, wie es mit der Band nach Wegfall des Gitarristen, eines wichtigen Gründungsmitglieds, weitergehen konnte. Glücklicherweise wurde mit Bernd ein neuer Gitarrist gefunden. Die CD wurde unter dem Titel "Übermut werde Spaten" im Jahr 1995 veröffentlicht und ich machte mich nach bestem Wissen an den Vertrieb der Platte, die Band begann, die CD auf ihren Konzerten zu verkaufen.

Mehrere Leute an einem Holztisch im Freien, davor ein Grill, im Hintergrund blühende Bäume.
April 1995: Kaktus, Martin und Severin am Grilltisch

1996/97: England und die Split-Single

Ins Jahr 1996 hinein festigte sich meine Freundschaft zur Band, vor allem weiterhin zu Severin und Marty. Im Sommer 1996 musste ich wegen meines Studiums für ein dreiviertel Jahr nach England ziehen, wodurch der Kontakt jedoch nicht einschlief und mich Severin und Marty sogar in meinem vorübergehenden Domizil in Südostengland besuchen kamen.

Seite der Split-Single: mehrere Schwarzweißfotos der Band, dazu der Schriftzug „Die Blumen des Bösen“.
Split-7" mit The Holsteins — Seite der Blumen des Bösen

Nach Rückkehr aus England haben wir dann gemeinsam eine zweite Veröffentlichung auf den Weg gebracht, ein Herzensprojekt meinerseits, eine Split-Single mit den Blumen und The Holsteins aus Nordirland. Eine Single, die mir schon eine ganze Weile am Herzen lag und nun, da ich aus England zurück war, in Angriff genommen werden sollte. Bis zum Release dauerte es jedoch noch bis ins Jahr 1998 hinein. Ich mochte beide Bands unheimlich gern, sie spielten ihre jeweils ganz eigene Version des Gitarrenpop, die Blumen noch stärker unterfüttert durch den Post Punk.

1998: Der Sängerposten

Zeitgleich passierten zwei entscheidende Dinge in der Band, die auch mich betreffen sollten: Die zweite Platte, Damals vor zwei Sekunden, wurde aufgenommen und abgeschlossen, aber auch hier fehlte zunächst der tatsächliche Release. Eine ganze Platte hätte ich auf keinen Fall nochmal finanzieren können. Außerdem verließ Marty Ende 97 die Band und somit wurde der Sängerposten vakant. Ich hatte durchaus schon Lust gehabt, mal irgendwo eine zweite Stimme oder ein kurzes Stück einzubinden, aber Sänger zu sein, konnte ich mir zu dieser Zeit kaum vorstellen. Mittlerweile waren Kornel und Waldek ja auch in der Band und die hatten eben auch noch ein Wörtchen mitzuspielen, ob sie das so haben wollten, weil es vielerlei bedeutete: Eine Frauenstimme wurde durch eine Männerstimme ersetzt, eine geübte Stimme durch eine, die letztmals im Jugendchor ernsthaft singen geübt hatte, und wo somit sowohl vom Faktor Reichweite als auch Volumen erhebliche Abstriche zu machen wären - oder eine schnelle, sehr schnelle Weiterentwicklung meiner Stimme. Nach den ersten Gehversuchen gab es eigentlich schon kein Zurück mehr, auch die anfängliche Skepsis einzelner Mitstreiter musste zwangsläufig zurücktreten hinter pures Üben, Üben, Üben und vor allem die Feststellung, dass man eben prüfen müsse, bei welchen Stücken man mein persönliches Ende der Fahnenstange erreicht sah. Dies war letztendlich bei den meisten Stücken so, sodass nur wenige Stücke aus vorigen Phasen in die neue Bandphase hinübergerettet wurden. Dies waren Albert, Kein Tag ohne Revolution und aus den Anfangstagen All Flowers Fade.

Zwei Personen auf der Wiese ziehen scherzhaft an einem Saxophon, als wollten sie es auseinanderreißen.
Schafhof, Anfang 1998: Kornel Lapon und Kaktus mit dem Saxophon

Ein neues Programm

Ansonsten wurde ein komplett neues Programm entwickelt, meine Stimme immer weiteren Stresstests unterzogen und der Stil der Band wurde ruppiger, um rauhere, weniger melodiedominante Stücke ergänzt. Dies passte zu meinen musikalischen Wurzeln und funktionierte auch in der Konfiguration Bass, Gitarre, Drumcomputer, Saxophon/Keyboard und Gesang. Wir harmonierten zusammen, ich bemühte mich redlich, den vorhandenen Rückstand in der Beherrschung meines Instruments Stimme ein wenig zu verkleinern oder zumindest die Dinge zu meistern, die wir gemeinsam erarbeitet hatten, auch wenn das die Bandbreite, wie Stücke gestaltet wurden, etwas einschränkte. Letztendlich gelang es dann doch, sehr ruhige Stücke wie Stella mit heruntergeprügelten Punknummern wie Das Sakrament des Büffel in einem Programm nebeneinanderzustellen, ohne dass weder das eine, noch das andere fehl am Platze schien.

Der Sänger im T-Shirt mit rundem Aufdruck singt, vor ihm ein Monitor.
Esslingen, Komma, 25. September 1998: der Sänger am Mikrofon

Es war eine Phase, in der aus meiner Sicht, die permanente Unsicherheit beim Singen langsam einer Spielfreude wich, die nun immer besser eingeübten Lieder zu spielen, sowohl im Proberaum, als auch auf der Bühne. Dies ergab sich dann durch die Konzerte im Jahr 98, das in Freudenstadt definitiv zu früh und ein schwerer Rückschlag für mein Selbstvertrauen, da das Repertoire dünn und die Zeit zu üben kurz gewesen war. Das "Heimspiel" im Studentenwohnheim Neuhalde war da Balsam und auch das Konzert im Komma - eigentlich eine Kategorie zu groß für uns - war schon besser.

1999: Sturmhöhe und die Tour

So richtig ging es aber sowohl live, als auch von den begleitenden Dingen dann erst 1999, als wir das Angebot für den Sampler Geschichten aus der Zwischenzeit auf dem Sturmhöhe-Label bekamen und es dazu auch eine Releaseshow im Limelight Stuttgart im April 99 gab. Gleichzeitig das Angebot, unsere CD Aus Ruinen bei Sturmhöhe zu veröffentlichen und dann die Fliehenden Stürme - eine Band, die ich seit 1989 bereits sehr gerne hörte - auf Tour zu begleiten. Erst auf der Bühne stehen und meine Lieder vor ständig wechselndem Publikum spielen und dann noch Abend für Abend ein Konzert der Stürme genießen zu können. Ein schöneres Angebot konnte ich mir in meiner limitierten musikalischen Reichweite kaum vorstellen.

Zwei Musiker nebeneinander, der eine am Mikrofon, der andere mit Baß.
Stuttgart, 9. April 1999: Kaktus und Severin Schöllhammer

Vor der Tour spielten wir noch 2x in Tübingen, 1x in Kirchheim und als "Warm Up" schon mit den Stürmen in Bad Homburg, 1 Woche vor Beginn der Tour.

Das Üben zahlte sich langsam aus, die Konzerte wurden besser und stießen auf ganz gute Resonanz, in Kirchheim kamen wir tatsächlich gut an. Für die Tour war alles bereit, ich freute mich sehr auf die Tour, auch wenn es in der Band immer wieder anderweitige Unstimmigkeiten gab. Wir waren musikalisch in diesen 1,5 Jahren vor der Tour zu einer guten Einheit geworden und auch auf der Tour waren wir, trotz aller Widrigkeiten, in meinen Augen mindestens gut, manchmal sehr gut und gerade bei den letzten Konzerten fühlte man das dann auch durch das, was aus dem Publikum an Reaktionen kam. Wir waren zwar immer noch die Vorband der Stürme, aber es fühlte sich für mich so an, dass wir eben auch als eigene Band, als die Blumen des Bösen wahrgenommen wurden. Somit endet diese Bestandsaufnahme meiner Zeit bei den Blumen. Über das Ende bzw. das, was dann noch kam zum Abschluss, also Aufnahme Zonengrenze 84 im Studio für die Compilation Maschinentrauma hatte ich vorher ja schon in kurzen Beiträgen geschrieben. Ggf. werde ich das Kapitel zum Ende der Band auch nochmal weiter ausformulieren.

Was bleibt

Ich kann nur so sagen: Für mich persönlich war es einmalig, solch eine Tour erleben zu dürfen und sie hat mir etwas für mein Leben mitgegeben, das ich nicht missen möchte: wie unheimlich erfüllend es sein kann, wenn man Menschen seine Lieder vorspielen darf und diese Menschen, wegen genau diesen Liedern da sind. Dies muss das Gefühl für die Stürme gewesen sein, Nacht für Nacht und ich freue mich auch schon an den wenigen Momenten, die auch uns das zuteil wurde. Es gab mir das Gefühl, dass wir da in die richtige Richtung unterwegs waren, musikalisch zumindest, um das noch öfter wiederholen zu können. Ich habe sehr große Freude daran gehabt, Teil der Blumen zu sein, auch wenn es in ihrer letzten Phase war und es war mir eine Ehre, mit Sven, Kornel und Waldek sowie Nox auf einer Bühne zu stehen und unsere Lieder darzubieten

Vier Männer stehen vor einem weißen Trabant-Transporter mit Verkehrshütchen auf dem Dach.
Tour mit Fliehende Stürme: Halle, 14. Oktober 1999

Aufgeschrieben am 27. September 2026, freigegeben am 5. Oktober. Der Text ist am Telefon getippt; berichtigt sind ausschließlich siebzehn zweifelsfreie Verschreiber. Die Zwischentitel stammen von der Redaktion, ebenso die Teilung seiner zwei längsten Absätze an den Stellen, an denen sie stehen; am Wortlaut ist dabei nichts geändert. Eine Stelle ist gekürzt und mit […] bezeichnet: zwei Sätze, in denen er sich an die Redaktion wendet.